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Inhalt:
- Auszüge aus der Chronik der
Kirchengemeinde Senden
- Hofgeschichte
- Heimatarbeit und Schule heute
Vorbemerkung:
Am 8. Mai 2005 wurde vor 60 Jahre die Kapitulationsurkunde unterzeichnet und der II.
Weltkrieg war zu Ende. Pfarrer Bernhard Lücke, Ehrenbürger der Gemeinde Senden, lebte vom
02.09.1931 bis 13.02.1961 in Senden und hat die nachfolgenden Ereignisse aus den Jahren
1945 und 1946 niedergeschrieben.
Auszüge aus der Chronik der Kirchengemeinde Senden
(Aufgezeichnet durch Pfarrer Bernhard Lücke 1879-1961)
Karfreitag, 30.3.1945
Plötzlich aber trat ein Umschwung in der Stimmung ein. Gegen 4.30 Uhr waren einige SS-Leute
unter Führung eines etwa 20- jährigen Leutnants ins Dorf gekommen; voll Entrüstung über die
weißen Fahnen forderte er unter Androhung des Erschießens, sofort die Fahnen einzuziehen;
und tatsächlich waren die Fahnen bald wieder verschwunden. Von den SS-Leuten hat man
nichts mehr gesehen; nur 3 Jungens der SS tauchten plötzlich auf und spähten von
Klostermanns Garten aus unter Anführung von 2 etwa 16-jährigen Mädchen nach einem am
Winkelbusch stehenden feindlichen Panzerwagen; doch die etwa 17- jährigen Jungens hatten
anscheinend keine Mut und gingen ins Dorf zurück und sind dann spurlos verschwunden.
Den amerikanischen Panzern aber waren die SS-Leute nicht entgangen. Nicht lange, da fliegen
feindliche Granaten übe das Dorf hinweg. Neuer Schrecken bemächtigt sich wieder der
Bevölkerung, die schleunigst die Unterstände wieder aufsuchen. Doch die Panzer fahren bald
wieder ab. Da aber Flugzeuge gemeldet waren, erwartet man nun jeden Augenblick einen
Flieger -Angriff. Viele flüchten jetzt in die Bauernschaften, vor allem in Holtrup und in die
Huxburg; so waren bei Kruse-Laumann über 50 Personen untergekommen. In dem Pastorat
blieben nur gut l Dutzend von den 42 Personen, die hier am Morgen Schutz und Zuflucht
gesucht hatten. Man hielt die Bauernschaft für sicherer. Doch es kam ganz anders. Gegen
Abend setzte ein mächtiges Artillerie-Feuer der Amerikaner ein, das bis 2 Uhr nachts
ununterbrochen anhielt. Die Büsche in Holtrup und Huxburg wurden besonders unter Feuer
genommen.
Dort sollten sich noch einige 100 Soldaten und SS-Leute aufhalten (Flieger-Meldung). Im
Dorf war es verhältnismäßig ruhig, abgesehen von dem Kanonen-Donner, der auch das Dorf
nicht zur Ruhe kommen ließ.
Am Karfreitag und Karsamstag sind in unserer Gemeinde 17 deutsche Soldaten gefallen; l
Soldat in der Nähe von Janning/ Böckenholt (Dorfbauernschaft), der auf dem Soldaten-Friedhof
in Haus Kannen beerdigt wurde. Alle anderen haben auf unserem Friedhof einen Ehrenplatz
erhalten mit Angabe ihres Namens; von dreien war der Name nicht festzustellen.
Karsamstag, 31.03.1945
Während die Nacht von Freitag auf Samstag zum Schluss ziemlich ruhig verlief, war der
Sonntag (Ostermorgen) recht unruhig. Panzer auf Panzer rollten schon frühzeitig aus der
Richtung Buldern und Appelhülsen durch unser Dorf. Das Surren der Flugzeuge ließ nichts
Gutes für den Samstag erwarten. Niemand wagte sich hinaus. Gegend Abend wurde es ruhiger.
Die Büsche rings um Senden, die in der Nacht von Freitag auf Samstag unter schwerem
Geschütz-Feuer gelegen hatten, wurde von den Amerikanern durchkämmt. Etwa 200 Soldaten
wurden am Samstagabend, und am Sonntagmorgen (Ostermorgen) noch 40 -50 Soldaten als G
efangene in Richtung Buldern abgeführt, zu Anfang und zum Schluss des Gefangenenzuges ein
amerikanischer Panzerwagen.
Überall in den Büschen zerstreut lagen die Gefallenen. In der Nacht auf Ostern lag über
Buldern und Appelhülsen schweres Geschützfeuer; der Himmel war weithin vom Feuerschein
gerötet. Die am Karfreitag in die Bauernschaften Geflüchteten müssen auch heute noch dort
bleiben infolge des Ausgeh-Verbotes (außer) von 9-12 Uhr.
Am Karsamstag habe ich in aller Frühe und Kürze die hl. Weihen (Weihwasser) in Anwesenheit
nur einiger Gläubigen vorgenommen und das hl. Opfer gefeiert.
Oster-Sonntag, 01.04.1945
Als ich am Ostermorgen um 5.15 Uhr zur Kirche ging, war alles still und ruhig auf den
Straßen und auch in der Kirche. An Gottesdienst war nicht zu denken; vom Bürgermeister
erfuhr ich dann, dass laut einer Vorfügung der Besatzung ein strenges Ausgehverbot für den
ganzen Tag bestehe außer von 9-12 Uhr. Ich habe dann in aller Stille bei verschlossenen Türen
mit meinem treuen Küster Wilhelm Lammers das Kreuz aufgenommen und das hl. Opfer gefeiert.
Das war eine Osterfeier voll Wehmut, aber auch wieder voll Dank und Freude, dass unser Dorf
und unsere Pfarrkirche bisher wenigstens den Krieg unbeschädigt, abgesehen von
Kleinigkeiten (Fenster, Dach) überstanden hatten.
In der freigegebenen Zeit von 9-12 Uhr sah man immer wieder allerlei Leute vor dem Anschlag
der Amerikaner bei Micke stehen, lasen die Bekanntmachungen und gingen schweigend und
gedrückt weiter; alle fühlten unwillkürlich, dass eine schwere Zeit bevorstand.
Am Osternachmittag rollten wieder 100te von Panzern aus Richtung Buldern durch unser Dorf,
anscheinend in Richtung Münster. In der Nacht von Ostern auf Ostermontag war im Norden ein
gewaltiger Feuerschein zu sehen; nachts um 2 Uhr hörte man von Norden her wieder heftigen
Kanonendonner, der eine halbe Stunde anhielt.
Oster-Montag, 02.04.1945
Auch für den Ostermontag blieb das Ausgeh-Verbot (außer) von 9 -12 Uhr bestehen mit der
Ausnahme, dass in dieser Zeit eine Person pro Familie das Haus zum Einkauf von Lebensmitteln
verlassen durfte.
6 Uhr habe ich die hl. Messe gelesen; 3 Personen aus der Pastorat, der Bürgermeister Woltin
(evangelisch), 2 amerikanische Soldaten und der Küster waren anwesend. Der Morgen verlief
ruhig; aber am Nachmittag gab es eine große Überraschung: Gegen 2.00 Uhr fuhr eine
amerikanische Sanitäts-Kolonne am Krankenhaus vor; ein Sanitäts-Offizier teilte der Schwester
Oberin (Schw. Rumolda) mit, das Krankenhaus sei beschlagnahmt und müsse bis 5 Uhr geräumt
sein. Es solle als amerikanische Reserve-Lazarett eingerichtet werden; das ganze Personal
solle in Haus Kannen untergebracht werden. "C´est la guerre!- Das ist eben Krieg!" war seine
Entschuldigung.
Eine lebhafte Tätigkeit setzte ein, um das Haus zu räumen und zu retten, was noch zu retten
war. Männer und Frauen, an der Spitze die Schw. Oberin mit ihren Schwestern, waren
ununterbrochen tätig. Aber wohin mit all den Sachen? Zum Pfarrheim in der Vikarie und in die
Pastorat!
Punkt 5 Uhr war die Sanitäts-Kolonne da mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, als ob
es sich um die gleichgültigste Sache von der Welt handelte. Selbstverständlich war es
unmöglich, in der kurzen Zeit von 3 Stunden das Haus zu räumen, Man hatte hinausgeschafft,
was möglich war; ein trauriger Anblick vor und hinter dem Krankenhaus, alles bunt
durcheinander: Betten, Wäsche, Einmach-Gläser, Decken, Stühle, Möbel, Tische usw. usw.
Da, auf einmal der Ruf: Der Sanitätswagen ist da! Was nun? Nur zum Teil war das Haus
geräumt. Doch das Sanitäts-Personal war nobel, wartete geduldig und lassen uns weiter Zeit
zum Räumen: l Stunde, 2 Stunden..., doch da verlieren auch sie die Geduld; sie greifen
selbst mit ein. Aber wie? Werfen alles, was ihnen gut dünkt, zum Fenster hinaus in den
Hofraum: Betten, Schränke, Garderoben usw. Zerbrochen kommt alles unten an. Die Stühle aber
behalten sie für sich. Zum Schluss werden die Kranken, alte Leute, Hausgehilfinnen und
Schwestern mit den Sanitätswagen nach Haus Kannen abtransportiert; nur die Schw. Oberin mit
2 Schwestern bleiben auf meinen Wunsch hier und fanden in der Pastorat Aufnahme. Alle
Zimmer in der Pastorat waren von meinen Nachbarn und anderen aus dem Dorf besetzt, die
hier Zuflucht suchten.
Schon seit Anfang des Krieges war mein Keller bei Bomben-Angriffen der Zufluchtsort meiner
Nachbarn wie auch der Schulkinder, wenn während des Schulunterrichtes Fliegeralarm gegeben
wurde. Auch Waschstücke, Kleider, und die verschiedensten Sachen waren im Keller und auch
oben auf dem Boden der Pastorat verstaut. Als dann am Freitag die Amerikaner kamen und
besonders nach der Schreckensnacht von Ostern auf Ostermontag erhöhte sich die Zahl der im
Pfarrhaus Zuflucht suchenden auf 52. Ein höchst interessantes, aber zugleich auch trauriges
Bild: Vom Keller bis zum Boden alles besetzt ! Alle waren frohen Mutes in der Hoffnung und
dem Glauben, dass sie hier vor allen Belästigungen bewahrt blieben.
Freilich kamen auch zum Pfarrhaus über Tag hier und da Soldaten. Ich muß aber zu ihrem Lobe
sagen, dass sie sich mir gegenüber in jeder Beziehung anständig und nobel benahmen; sobald
sie in mir den Priester erkannten, grüßten sie und verschwanden. Offenbar hatten sie von
ihren Vorgesetzten die Anweisung, gegen Geistliche sich korrekt zu benehmen.
Nicht nur das Krankenhaus musste geräumt werden; auch die benachbarten Häuser: Kaplanei,
Vikarie-Gebäude Ss. Antonii et Theobaldi (z. Teil), das Haus des Lehrers Wittkamp, Frau
Köchling, Vikar Wessel, der in der Kaplanei wohnte, fand in der Vikarie bei dem
Oberregierungsrat Heinrich Sennekamp Aufnahme.
Um aber das Pfarrhaus mit meinen Schutzbefohlenen vor alle Belästigungen zu bewahren, hatte
ich den amerikanischen Kommandanten - ein sehr feiner und nobler Mann - gebeten, durch
Ausstellung eines Ausweises mein Haus vor den Soldaten zu schützen mit der Begründung, dass
in der Pastorat 52 Personen, darunter die Schwestern des von den Amerikanern als
Reserve-Lazarett beschlagnahmten Krankenhauses wohnten. In 2 Minuten hatte ich das Plakat
mit der Aufschrift: "Off Limits to all military personel - Verbotener Eingang für alle
Militär-Personen". Zudem gab er mir noch verschiedene Ausweise zur freien Bewegung für
seelsorgliche Zwecke. So hatte der Ostermontag einen ruhigen Anfang genommen, hatte aber
einen aufregenden Nachmittag und eine noch schrecklichere Nacht, eine Nacht voll Schrecken,
Angst und Not.
Am Tage, bevor die Amerikaner kamen, also am Gründonnerstag, hatte der Brennerei-Besitzer
Th. Brüggemann sein reichhaltiges "Schnapslager" geöffnete. Jeder konnte 4, später 2
Flaschen Schnaps bekommen. So war wohl in jedem Haus mehr oder weniger Branntwein vorhanden.
Als dann am Samstag die feindlichen Truppen einzogen, holten auch sie sich Körbe voll von
diesem Zeug; die Folge war, dass sie am Montagabend betrunken durch die Straßen torkelten.
Und dann erst die Nacht! Sie drangen in die Häuser ein, raubten und plünderten und
zerschlugen was ihnen in die Finger fiel.
Schlimm war es besonders für die Wohnungen, wo sie ein Hitler-Bild vorfanden, wie Wilde
haben sie da gehaust. Und das Schlimmste und Gemeinste: Sie vergriffen sich an Frauen und
Mädchen in der abscheulichsten und schamlosesten Weise. Die Feder sträubt sich, darüber
Näheres zu berichten. Ist das die immer so gepriesene Kultur von Amerika und England? Ist
das christlich, wie sie sich nennen? -
Oster-Dienstag, 03.04.1945
Totenstille herrschte auf allen Straßen, als ich am Dienstagmorgen gegen 7 Uhr zur Kirche
ging; den wenigen Leuten, die mir begegneten, stand der Schrecken und die Angst noch auf den
Gesichtern; mit Tränen in den Augen erzählten sie von dem Schrecklichen, was sich in der
Nacht in unserem sonst so friedlichen und ruhigen Dorf abgespielt hatte.
Der Dienstag verlief im allgemeinen ruhig. Wie freuten wir uns , als gegen Mittag die
Soldaten in Richtung Münster abzogen. Aber die Freude war nicht von langer Dauer. Schon am
Nachmittag zogen neue Truppen ein; darunter viele Neger. Schon beim Einmarsch machten sie
einen verwegenen Eindruck.
Mit banger Sorge sahen wir nach den Erfahrungen der letzte Nacht der kommenden Nacht
entgegen. Ganze Familien suchten in den Bauernschaften Zuflucht und Sicherheit für die
Nacht, da nur das Dorf mit Truppen belegt war. In der Nacht wiederholten sich dieselben
Scheußlichkeiten wie in der Nacht von Ostemontag auf Dienstag. Ja, man kann wohl sagen, in
noch größerem und gemeinerem Ausmaße. Man sollte es nicht für möglich halten, wie Menschen
Frauen und Mädchen stundenlang in der gemeinsten Weise belästigen können. Gott (sei) Dank
aber haben sich die Frauen und Mädchen, soweit sie sich nicht verstecken konnten, zum
allergrößten Teil bis zum äußersten gegen die Horden mit Erfolg gewehrt; selbst beim
Androhen mit Erschießen blieben sie fest und standhaft. Dazu kamen noch die Plünderungen;
ganze Häuser wurden, ausgeplündert, Möbel durchwühlt; was die Bande nicht raubte, zerschlug
sie oder warf es auf die Straße und verjagte die Bewohner aus ihren Häusern.
Doch muss der Wahrheit wegen auch gesagt werden, dass auch unter diesen Soldaten viele
waren, die sich in jeder Beziehung höflich und anständig benahmen. Der Alkohol war auch hier
wieder zum großen Teil Schuld an den Vorgängen.
Am Dienstagmorgen habe ich von der Leichenhalle des Krankenhauses um 9 Uhr 2 Leichen
beerdigt, die schon am Samstag beerdigt werden sollten; das anhaltende Geschützfeuer und
die Tiefflieger ließen es nicht zu. Es waren Felix Rüter, der am Dienstag vorher schwer bei
Feldarbeiten durch ein Flieger-Geschoß verwundet war (11 Jahre) und ein Ukrainerkind von 4
Jahren.
Oster-Mittwoch, 04.04.1945
Auch für heute bleibt die Ausgehzeit wie in den Tagen vorher von 9 - 12 bestehen, Der Tag
verlief im allgemeinen ruhig. Allmählich fanden sich auch wieder mehr Leute des Morgens in
der Kirche zum hl. Opfer ein.
Im Laufe des Morgens suchten eine Reihe von Männern, Frauen und Mädchen das Amtshaus auf, um
bei den dort anwesenden amerikanischen Offizieren Beschwerde über die Vorkommnisse in der
Nacht zu erheben. Sie versprachen strenge Bestrafung der Übeltäter - wahrscheinlich aber nur
zur Beruhigung der Leute, denn man hat von einer Bestrafung später nichts erfahren; man
merkte aber den Offizieren an, dass ihnen die Vorkommnisse sehr unangenehm waren.
Am Nachmittag gegen 5 Uhr gingen 3 junge Polen von etwa 18 Jahren in die Wohnung meines
Nachbarn Hauptlehrers Schöller; mit ein Paar Schuhen und ähnlichen Sachen kamen sie wieder
heraus. Selbst am hellen Tag ist man vor Plünderungen nicht mehr sicher, wie man aus den
Nachbarorten Nottuln, Darup, Haltern, wo die Polen in Lagern untergebracht waren, schon seit
Wochen hörte. Doch hörte man auch hier, wie die Polen, die hier bei den Bauern in Stellung
waren bzw. untergebracht waren, die Landbevölkerung drangsalierten, nachts auf Raub
ausgingen und mit Erschießen drohten. Wie unverschämt und boshaft die Polen waren, zeigt
ein Beispiel, das sich bei dem Bauern Brockmann/Grothues in Schölling zutrug, bei dem es
der Pole bestimmt gut hatte: Ein junger Pole, der dort im vorigen Jahr einige Zeit
gearbeitet hatte, bedrohte den Besitzer mit Erschießen, weil er ihm am Abend keine
Zigarre gegeben hatte.
Nicht viel besser waren auch die Italiener, die seit 1944 im Schloss untergebracht waren
und auch nicht die Russen, die bei Busche einquartiert waren.
Die Bauern hatten darum zum Schutz gegen diese Banden und Plünderer eine Schutz-Nachtwache
eingerichtet; durch Lichtsignale auf den Dächern gaben sie sich gegenseitig Nachricht beim
Heranahen dieser Horden und eilten dann mit Knüppeln, Mistgabeln und anderen Instrumenten zur
Hilfe herbei. Manche Bauernhäuser wurden so vor diesen Banditen bewahrt. Im Grunde waren sie
doch feige und flohen, wenn sie Widerstand fanden.
Die Italiener, die im Schloss untergebracht waren, haben hier wie Wilde gehaust; das Inventar
haben sie als Brandholz benutzt, ebenso auch die Fußbodenbretter, Bilder und andere
Gegenstände wurden in die Gräfte geworfen, Obstbäume geplündert, bei den Bauern das Vieh
auf der Weide abgeschlachtet. Sie waren aber im allgemeinen anständiger wie die Russen, aber
viel besser waren sie auch nicht. Am 24. Juli haben die Italiener Senden wieder verlassen
und sind in ihre Heimat zurückgekehrt.
Auch die Russen, die seit einem guten Vierteljahr in der Wirtschaft Busche einquartiert
waren, sind Ende Juli wieder abtransportiert (worden). Plünderungen beim größten Teil der
Bauern, Belästigungen, und Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen und andere Schandtaten,
Rauben und Plündern waren ihre Hauptbeschäftigung; eine wahre Pest für unsere Gemeinde. Und,
was man eigentlich nicht hätte erwarten sollen - die Besatzung, Amerikaner und Belgier, ihre
Bundesgenossen, ließen sie ruhig gewähren.
Infolge der Einberufung zum Militärdienst (16 - 60 Jahre) waren manche Höfe ohne
arbeitsfähige Männer. Frauen und Mädchen mussten mit den Gefangenen (Franzosen, Polen und
Russen), die hier teilweise in Lagern, einzeln auch bei Familien untergebracht waren, den Hof
bewirtschaften.
Mädchen wurden als Schaffnerinnen bei der Bahn, als Briefträgerinnen bei der Post, als
Flakhelferinnen für den Nachrichtendienst und in Munitionsbetrieben, selbst zu
Schanzarbeiten eingezogen.
Seit den schweren Flieger-Angriffen auf Münster im Juli 1941, 10.10.1943 und besonders
12.09.1944 wurden viele Münsteraner auf das Land evakuiert; ganze Scharen kamen abends nach
Senden auf Fahrrädern, um hier in Scheunen, Wäldern und Alleen für die Nacht Zuflucht zu
suchen.
Große Beunruhigung brachten seit Anfang 1944 und besonders 1945 die Bomber-Verbände und
Tiefflieger, die fast täglich Tag und Nacht mehrmals unser Dorf überflogen und viel
Unheil anrichteten. So zählte an einem Morgen in einer Bauernschaft (Dorfbauernschaft)
man 168 Bombentrichter; eine ganze Reihe Häuser wurden schwer beschädigt. Personen sind in
der Nacht nicht verletzt.
Oster-Donnerstag, 05.04.1945
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hörte man andauernd das Rollen der Geschütze in
der Richtung Münster. Das Ausgeh-Verbot war von heute an gemildert; von 7 Uhr morgens bis 6
Uhr abends ist der Ausgang gestattet.
Kurz nach Mittag kommt die Nachricht, dass neue Truppen im Anzug sind. Innerhalb einer
Stunde müssen mehrere Häuser auf der Gartenstraße geräumt werden. 4.30 Uhr rollten die
Panzer- und andere Geschützwagen heran und nahmen zum Teil auf dem Schulplatz Aufstellung.
Gegen Abend kamen zwei von diesen Soldaten in mein Nebenhaus, das von dem Inventar meiner
Nachbarn und des Krankenhauses von Ostermontag her überbelegt war. Angeblich wollten; sie
ihre Wagen auf der Tenne unterstellen, wahrscheinlich aber suchten sie eine Gelegenheit, auch
hier zu plündern und zu rauben; sie machten wenigstens den Eindruck. Mein Hinweis auf den
"Off Limits"-Anschlag machte keinen Eindruck; dann aber meine Bemerkung: "I will go and
feeh the Offizier -Ich werde mich mit dem Offizier in Verbindung setzen" hatte unerwarteten
Erfolg: Eilends sprangen sie über das Hoftor und zogen enttäuscht ab. Anscheinend haben die
Soldaten vor ihrem Offizier allerlei Respekt.
Gegen Mittag tauchte plötzlich ein Sanitäts-Soldat in der Pastorat auf: Kaplan Paul Mangel,
mein Pfarrkind, z.Z. Kaplan in Alt-Schermbeck, geb. 25.03.1914, geweiht am 17.12.1938, (mit)
19 zur Wehrmacht eingezogen. Nach einer Blinddarm-Operation in Münster/Westf. war er für
14 Tage zur Erholung in Tillbeck bei Münster beurlaubt, um sich dann wieder beim
Ersatz -Bataillon zu melden. Nach wenigen Tagen aber nahm sein Urlaub ein unerwartetes
Ende. Sofort hatte er sich hier als Soldat bei dem amerikanischen Offizier im Amtshaus
gemeldet, er wurde aber wieder entlassen, bis der Orts-Kommandant da sei. Als er sich dann
am Abend wieder vorstellte, wurde er mit zwei Kameraden als Gefangener abtransportiert. Am
Abend um 9 Uhr kam dann ein amerikanischer Feld-Geistlicher mit einem Dolmetscher ins
Pfarrhaus und überreichte mir ein Brief von Paul Mangel; er teilte darin mit, dass er
vorläufig nach Hullern bei Haltern (Westf.) ins Gefangenenlager käme, würde sehr freundlich
behandelt und bekäme einen "Mess-Koffer". Der Dolmetscher sagte dann noch, er bliebe in
Deutschland wahrscheinlich links des Rheins.
Am Abend hatte ich dann noch mit Lehrer Holtmann zusammen eine lange Unterhaltung mit den
beiden Amerikanern, die einen vorzüglichen Eindruck machten. Bezüglich der Zukunft gaben sie
erfreuliche Aussichten; die Zivil-Verwaltung gehe weiter wie bisher, aber unter Aufsicht
des Kommandanten; die Zukunft würde auf der Grundlage der Religion aufgebaut; auch der
Schulbetrieb werde weiter gehen, jedoch der "Pan Germanismus" würde restlos beseitigt.
Freitag, 06.04.1945
Die Nacht von Donnerstag auf Freitag verlief ruhig und ungestört. Als ich gegen 7 Uhr zur
Kirche ging, um das hl. Opfer zu feiern, herrschte bei den Truppen recht lebhaftes Treiben;
anscheinend trafen sie Vorbereitungen für den Abzug. In der hl. Messe kommunizierten 3
amerikanische Soldaten, ein angenehmer Gegensatz zu den plündernden und zügellosen Soldaten
vergangener Nächte. Wie erfreulich und schön könnte es sein, wenn doch alle Soldaten von
dem Geiste dieser drei Amerikaner erfüllt wären!
Gegen 10 Uhr rollten die Geschützwagen ab in Richtung Münster. Auch vom Schulplatz waren
sämtliche Geschütze verschwunden und mit ihnen auch die Soldaten. So verlief der Tag ruhig
und friedlich. Hoffentlich bleibt es auch in Zukunft so; wir haben amerikanische Kultur und
auch Unkultur hinlänglich kennen gelernt.
Die amerikanischen Soldaten haben aber auch noch Sinn für Humor. Als ich gegen 8 Uhr mit
Lehrer Holtmann vor der Haustür stand, sahen wir eine Streife von 4 amerikanischen Soldaten
über den Schulplatz kommen; einer von ihnen hatte als Kopfbedeckung einen regelrechten
Zylinder-Chapeauclaque, ein anderer hatte einen schönen eichenen Handstock in der Hand.
Am Tor der Pastorat grüßten sie freundlich herüber. Wir erwiderten den Gruß, öffneten das
Tor und gingen ihnen entgegen. Da grüßte der eine Soldat nochmals und überreichte mir
seinen Zylinder, wobei er durch sein Gestikulieren sagen wollte: "Für mich ist das nicht
das Richtige; er passt besser für den Pfarrer". Die anderen stimmten lachend ein; ich nahm
ihn dankend an und gab ihn weiter an Holtmann, dem vor einigen Tagen ein Zylinder geklaut
war. Unter viel Zeremoniell und zur Freude der anderen Soldaten erhielt ich dann den
eichenen Handstock, den ich als Andenken behalten möchte. Wir haben uns dann noch lange
mit ihnen unterhalten; sie erzählten uns von ihren Familien, ihrer Mutter und ihren
Schwestern, von denen eine Ordensschwester war, zeigten uns ihren Rosenkranz und ihre
Medaillen mit der amerikanischen Flagge im oberen Feld und dem Herzen Jesu und Maria in
den anderen Feldern, ein Bild von der Schwester, die Nonne war und ihr Gebetbuch. Das war
ein recht erfreuliches Erlebnis am Abend dieses Tages.
Samstag, 07.04.1945
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| Foto: Bunkereingang neben der heutigen Kunstschule am DEK |
Als ich am Morgen zur Kirche ging - das Ausgeh-Verbot ist jetzt von 7 Uhr abends bis 6 Uhr
morgens festgesetzt - war es im Dorf still und ruhig. Auf dem Kirchplatz und den Straßen
lagen Benzin-Behälter, Patronen-Hülsen und allerlei Gerumpel. Der Kirchplatz, auf dem eine
Reihe Wagen Aufstellung gefunden hatten, machte einen wüsten Eindruck; der gepflasterte
Weg war vielfach aufgerissen, die steinernen Pfähle der Umfassung vielfach umgefahren.
Viele waren schon mit Räumungsarbeiten beschäftigt. Bei der hl. Messe waren gut 20 Gläubige
anwesend.
Beim Verlassen der Kirche hörte ich, wie in der Nacht und gestern auch schon Übertag Polen
sich zusammenrotteten, besonders in den Bauernschaften auf Raub ausgingen, Fahrräder und
Kleider raubten und Bauernhäuser überfielen. Doch die Bauern waren inzwischen auf solche
Überfälle durch ihre Lichtsignale vorbereitet und rotteten sich zum Schutze gegen diese
Banden zusammen. Wenn dann die Bauern mit ihren Mistgabeln und ähnlichen Instrumenten sich
zur Wehr setzten, waren diese Feiglinge ebenso schnell verschwunden, wie sie gekommen waren.
Jeden Tag herrschte ziemlich lebhafte Fliegertätigkeit. Aber welcher Unterschied gegen
früher! Wenn dann feindliche Flugzeuge nahten, flüchtete alles in die Keller und Bunker und
jetzt verfolgt man ihren Flug mit Interesse. Im übrigen verläuft der Tag ruhig.
Sonntag, 08.04.1945
Auch für heute und die folgenden Tage ist das Ausgeh-Verbot von 7 Uhr abends bis 6 Uhr
morgens aufgehoben. Darum begannen die hl. Messen 7.30, 8.30 und 9.30 Uhr. Die Kirche war
bis auf den letzten Platz in allen hl. Messen besetzt. Es war das erste Mal, dass der
Gottesdienst wieder in der gewohnten Weise stattfand. Freude und frohe Zuversicht auf allen
Gesichtern, lebhaftes, freudiges Begrüßen überall. In meiner Predigt gab ich der Freude
darüber Ausdruck, dass unsere Gemeinde durch Gottes gnädigen Schutz diese schweren Tage der
letzten Zeit verhältnismäßig gut überstanden habe, forderte zum Danke dafür Gott gegenüber
auf, mahnte zur Ruhe und Besonnenheit, machte ihnen Mut und frohe Zuversicht auch für die
Zukunft. Wohl selten wurde eine Predigt so aufmerksam angehört.
Gegen l Uhr mittags kam ein englischer Offizier mit dem Holzhändler Scheiwe als Dolmetscher,
der nach Senden evakuiert war. Er bat mich, das Amt des Bürgermeisters für Senden zu
übernehmen. Nach kurzer Überlegung habe ich abgelehnt:
- aus Rücksicht auf den Bürgermeister Woltin, der in all den Jahren sehr
entgegenkommend war und nie Schwierigkeiten gemacht hat und
- weil nach meiner Meinung aus der Vereinigung von Pfarr- und Bürgermeisteramt
nur Schwierigkeiten, für die Seelsorge - auch für später - entstehen würden.
Die Unterhaltung dauerte etwa eine halbe Stunde, und verlief ergebnislos. Der Offizier war
schwer enttäuscht, blieb aber ruhig und verabschiedete sich in freundlicher Weise. Im Laufe
des Nachmittags kamen neue Truppen, Engländer. Es sollte die vorläufige Besatzung sein.
Auf der Münster- und der Herrenstraße sollten sie einquartiert werden - etwa 200 bis 300
Mann. Viele Familien mussten zum 2. Mal die Wohnung räumen.
Montag, 09.04.1945
In der Nacht lebhafter Kanonendonner aus dem Industriegebiet Hamm und Dortmund; hier aber
ruhig.
Kurz nach Mittag kam ein amerikanischer Feld-Geistlicher, ein Herz-Jesu-Pater, mit einem
Brief von den Missionsschwestern in Amerika für die Herz-Jesu-Schwestern in Hiltrup. Ein
äußerst sympathischer Herr. Am anderen Morgen möchte er um 9.30 Uhr die hl. Messe lesen.
Der Besuch von Seiten der Soldaten war recht gut.
Nachmittags um 3 Uhr kam ein amerikanischer (englischer) Offizier - derselbe, der gestern
hier war - nochmals mit einigen Begleitern ins Pfarrhaus. Im Gegensatz zu gestern war er
nun sehr offiziell, aber doch recht aufgeräumt und freundlich. Nochmals redete er auf mich
ein, ich möchte doch den Posten des Bürgermeisters, wie auch andere Pfarrer, übernehmen.
Ich versuchte nochmals, ihm die Gründe klar zu machen, warum ich das ablehnen müsste.
Schließlich erkannte er die Gründe an und bat mich dann, ihm einige Kandidaten für den
Bürgermeisterposten vorzuschlagen. Ich nannte ihm nochmals den bisherigen Bürgermeister
Woltin; er lehnte aber ab. Ich schlug ihm dann die beiden Bauern Franz Schulze Höping und
Franz Schulze Schölling vor. Nach einem Bericht über ihre Einstellung zur Partei, ihren
Beruf und ihre bisherige Tätigkeit wurden beide per Auto zur Pastorat geholt; gegen 5 Uhr
begannen die Verhandlungen. Beide mussten einen unendlich langen Fragebogen ausfüllen und
ihre Ansicht über Hitlers "Mein Kampf" abgeben.
Beides fiel zur Zufriedenheit aus. Es folgte nun noch eine kurze Besprechung unter
Abwesenheit der beiden Kandidaten. "Wen soll ich denn nun als Bürgermeister nehmen? Wen
halten Sie für geeignet?" "Beide sind geeignet und durchaus zuverlässig" entgegnete ich.
Der Erfolg: Schulze Höping wurde Bürgermeister und Schulze Schölling sein "Assistent".
Beide Urkunden wurden ausgefertigt und ihnen übergeben. Um 6.30 Uhr waren die Verhandlungen
abgeschlossenen. Die Offiziere verabschiedeten sich in freundlicher Weise und begaben sich
dann zum Bürgermeister Woltin, um ihm zu eröffnen, dass von nun an Schulze Höping sein
Amt als Bürgermeister übernehmen. würde.
Es war eine richtige und sehr gute Lösung. Beide, Schulze Höping und ebenso Schulze
Schölling, stehen hier im allerbesten Rufe und erfreuen sich in der Gemeinde Senden des
unumschränkten Vertrauens.
Dienstag, 10.04.1945
Am Nachmittag gegen 5 Uhr kamen wieder neue amerikanische Truppen direkt von der Front. Auf
Anweisung des neuen Bürgermeisters Höping - erste Amtshandlung - wurden sie in den
Schulklassen untergebracht, anstatt wieder Wohnungen zu räumen. Dadurch hat sich der
Bürgermeister überaus gut eingeführt, was auch allgemein anerkannt wurde.
Am Mittwoch (11.4.) gegen 3 Uhr sind sie wieder abgezogen.
30.05.1945
Am 30.05.1945 musste nach einer Verfügung der Militär-Behörde (belgischer Kommandant) die
Fronleichnams-Prozession auf den folgenden Sonntag verlegt werden; außerdem dürfe die
Prozession nicht den Weg über den Schulplatz nehmen, weil dort Panzer aufgestellt wären.
Daraufhin ging ich zum Kommandanten, um den Schulplatz für die Prozession freizugeben. Es
blieb aber dabei, weil es eine allgemeine Kriegsregel sei, dass Plätze, auf denen Geschütze
aufgestellt seien, von Zivilpersonen nicht betreten werden dürften. Auf seine Frage, welche
Diözese hier sei und ich ihm sagte, es sei die Diözese Münster, sagte er unwillkürlich:
Aah, Clemens August! Bischof! Der einzige deutsche Mann und Bischof!
Dann wollte er für seine Soldaten am Sonntag einen besonderen Gottesdienst um 9.30 Uhr
haben. Auf meine Gegengründe war er dann damit einverstanden, dass seine Leute um 10 Uhr
das Hochamt besuchten. Am Sonntag waren die Soldaten pünktlich mit ihrem Kommandanten an
der Spitze zu Stelle, der dann mit den meisten Soldaten im Hochamt zur Kommunion ging und
so auch an den meisten folgenden Sonntagen. Das war ein schönes Beispiel für die ganze
Gemeinde. Irgendwelche Schwierigkeiten haben wir mit dieser Besatzung nicht gehabt,
Soldaten und Kommandant waren in jeder Beziehung in Ordnung.
Sonntag, 03.06.1945
Nach 6 Jahren war die 1939 verbotene Fronleichnams-Prozession wieder in alt gewohnter
Weise. Die Beteiligung war überaus zahlreich, die Häuser und Straßen hervorragend
geschmückt. Selbst Männer und Frauen, die sonst an der Prozession - in all den letzten
Jahren wenigstens - nicht teilnahmen, waren zahlreich vertreten.
2l. und 22.06.1945
Am Donnerstag und Freitag, dem 21.und 22. Juni wurden die im Februar abgelieferten Glocken
wieder aufmontiert. Am 12.01.42 waren sie von der Militärbehörde beschlagnahmt und am
11.02.1942 nach Lünen zum Lagerplatz abgeliefert. Eine von den 3 abgelieferten Glocken, die
größte, war eingeschmolzen. Ebenso wurde auch die Angelus-Glocke, die für die Kriegszeit
der Pfarre Venne bei Senden überlassen wurde, um sie vor der Beschlagnahme zu bewahren,
ihrer alten Bestimmung in Senden wieder übergeben. Als Ersatz für die eingeschmolzene
Glocke ist bereits eine neue Glocke bei Edelbrock/Petit in Gescher in Auftrag gegeben.
24.07.1945
Zum ersten Male, am Dienstag, dem 24. Juli 1945, war wieder in der durch den Flieger-Angriff
am 24. Februar 1945 zerstörten Krankenhaus-Kapelle hl. Messe. Die Wiederherstellungsarbeiten
waren ausgeführt von dem Bauunternehmer Theodor Schneider aus Münster, der hierher evakuiert
war. Es war ein Freudentag für das Krankenhaus und die ganze Gemeinde.
03.09.1945
Am 03.09.1945 wurde der Schulunterricht für die 4 unteren Jahrgänge wieder eröffnet. 7.30 Uhr
war aus diesem Anlass Hochamt und Predigt; Eltern und Kinder waren vollzählig erschienen.
Sofort nach dem Hochamt begann der Schulunterricht. 66 Lernanfänger wurden eingeschult.
Schon fast von Anfang des Kriegs waren die Schulverhältnisse recht übel; der Unterricht
musste wegen Flieger-Alarms oft ausgesetzt werden. Dann später waren die Schulzimmer,
besonders 44 und 45, mit Flak-Soldaten, dann mit Russen belegt. Eine Zeitlang wurde in den
Sälen der Gastwirte Schulunterricht erteilt; ein unhaltbarer Zustand für Kinder und Lehrer;
bald wurde darum damit Schluss gemacht.
12. - 31. Oktober 1945
Vom 12. - 31. Oktober 1945 kamen hier in zwei Transporten ungefähr 200 Flüchtlinge aus dem
Osten an.
1946
Infolge des anhaltenden Regens in den ersten Tagen der Woche vom 3. bis 9. Februar 1946 war
das Wasser in Stever und Dümmer bedeutend gestiegen und teilweise über die Ufer getreten und
hatte Wiesen und Weiden überflutet; am Donnerstagmorgen war das Wasser fast ganz wieder
versackt.
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| Foto: Stever Hochwasser (Aufnahme von 1975) |
Gegen Abend des Donnerstag, den 7. Febr., setzte der Regen von neuem wieder ein,
der mit kleinen Unterbrechungen bis Samstagmorgen fort dauerte. Schon am Freitagmittag
traten Stever und Dümmer über ihre Ufer; gegen 5 Uhr hatten sich die beiden Bäche über die
Pastoratsweide der Schule gegenüber, Schulplatz und Palz Weide vereinigt. Der Boden konnte
die riesigen Wassermassen nicht mehr aufnehmen.
Das Wasser stieg mit unheimlicher Schnelligkeit; "Wiesen, Weiden und Gärten ringsum, so weit
man sehen konnte, waren ein großer See. Auch in der Nacht stieg das Wasser infolge des
anhaltenden Regens andauernd höher. Am Samstagmorgen waren die Straßen von den Wassermassen
überflutet; es gab im ganzen Dorf wohl kaum ein Haus, dessen Keller nicht unter Wasser
standen, in manchen Häusern, besonders auf der Münster- und der Gartenstraße bis zu 60 cm
Höhe. In den Bauernschaften war es ebenso schlimm. Die Bauern mussten ihr Vieh vielfach aus
den Wasser überfluteten Ställen herausholen. Brücken waren zerstört, teilweise weg
geschwommen. Bäume entwurzelt. Gärten und Felder boten einen traurigen Anblick. Auf der
Münsterstraße fuhren Jungens und Belgier, die hier noch zur Besatzung sind, munter in ihrem
Kahn von Haus zu Haus. Das Pfarrhaus war weithin von Wasser umgeben bis zu einer Höhe von
60 cm; durch die Kellerfenster war in den sonst staubtrockenen Keller Wasser gedrungen und
stand dort 1,15m hoch. Ähnlich war es auch im Krankenhaus und im Kaplanei-Gebäude. In die
Kirche war das Wasser aber nicht gedrungen; aber der Kirchplatz hatte durch die
Wassermassen schwer gelitten.
So schnell die Wassermassen gekommen waren, so schnell zogen sie auch wieder ab. Am
Sonntagmorgen waren die Straßen wieder frei vom Wasser, dagegen stand es in den Gärten und
Wiesen tagelang. Am Sonntag und Montag wurden die Keller durch die Feuerwehr wieder
ausgepumpt.
Selbst die ältesten Leute in Senden wissen sich einer solchen Wasserflut nicht zu erinnern.
Im Jahre 1891 war Senden nach dem Bericht der alten Leute von einer ähnlichen
Überschwemmung heimgesucht, freilich nicht in dem Maße wie heute. Etwas Ähnliches erlebten
wir in Senden auch am Pfingstfeste 1932; auch da waren Wiesen, Weiden und Gärten
weithin überschwemmt; dazu kam 1932 auch noch ein vernichtender Hagelschlag, der die Früchte
in Feld und Garten zum großen Teil zerstörte.
Im übrigen war der Winter 1945/46 sehr milde, eine wahre Wohltat bei dem herrschenden
Kohlenmangel; der erste Schnee fiel am 22. Februar 1946, war aber am folgenden Tag wieder so
gut wie verschwunden.
21.03.1946
Das Hotel Fels an der Herrenstraße, Inhaber Bernhard Schulte Volmer, in dem ein Teil der
belgischen Besatzung untergebracht war, wurde durch eine Feuersbrunst bis auf den Grund
vernichtet. Es war eines der ältesten Gasthäuser unserer Gemeinde und stand im allerbesten
Rufe wie auch der Inhaber Schulte-Volmer sich allgemeiner Achtung wegen seines offenen und
ehrlichen Charakters erfreute.
06.04.1946
Die letzten Truppen der belgischen Besatzung sind nach gut einem Jahre endlich wieder
abgezogen. Kommandant und Soldaten waren durchaus in Ordnung.
21.05.1946
Am Dienstag, dem 21.05.1946, wurde die "private Rektoratschule" unter dem Namen
"Mittelschule" wieder eröffnet. Zu Ostern 1940 war sie unter Rektor Lammerskötter aus
nichtigen Gründen trotz der vorzüglichen Leistungen der Schule aufgelöst; ein geistlicher
Rektor war für die "Nazis" nie tragbar; das war der eigentliche Grund der Auflösung.
26.05. - 09.06.1946
wurde für die Männer und Jungmänner eine religiöse Woche gehalten vom Herrn Pater
Wesseling aus dem Herz-Jesu-Kloster in Hamm. Beteiligung recht gut.
20.06.1946
Lehrer Fritz Jenkner, der hier- an der Volksschule angestellt ist und seit dem 01.10.1945
den Orgeldienst versieht, ist hier endgültig als Organist angestellt.
01.07.1946
Der 1934 errichtete Kindergarten wurde vom Bürgermeister Schulze Höping der katholischen
Kirchengemeinde übertragen; am Montag, dem 0l.07.1946 wurde der Unterricht aufgenommen. Als
Kindergärtnerin wurde Fräulein Elisabeth Vornefeld angestellt.
02.08.1946
Der H. H. Weihbischof Heinrich Roleff erteilte am 02.08.1946 312 Kindern das hl. Sakrament
der Firmung.
Am Nachmittag war die Spendung der hl. Firmung in der Pfarrkirche in Venne.
22.10.1945 bis 09.07.1946
In der Zeit vom 22.10.45 bis 09.07.1946 kamen hier in 11 Flüchtlingszügen aus dem Osten
gut 1.100 Flüchtlinge an.
Hofgeschichte
13-169 Kolonat Wesselmann Holtrup 19
Zu dem etwa 133 Morgen großen Hof gehörten auch Davertberechtigungen. Am 16.6.1829 ging
das Kolonat von den Eltern bzw. Stiefeltern Joh. Bd. Kleymann gt. Wesselmann und der
Ludwine Wesselmann an den Zeller Theodor Wesselmann in Holtrup. Dieser vererbte den Besitz
gegen Übernahme der Schulden an die Eheleute Joh. Bd. Schulze-Althoff und Maria Anna
Wilhelmine Wesselmann (1843). Durch Testament kam der Hof (1864) an den Kolon Anton
Wesselmann in Holtrup, der nach dem Tode seiner Frau 1877 alleiniger Eigentümer wurde.
Drei Taler und sechs gute Groschen wurden früher an Dienstgeld als eine von der früheren
landesherrlichen Domäne herrührende Rente gezahlt. Der Hof war wahrscheinlich münstersches
Kirchengut und kam bei der Säkularisation zunächst an den preußischen Staat.
Nach Aufhebung der Leibeigenschaft (1808) wurde das Erbe freies Eigentum. An die Königliche
Domäne waren bis zur völligen Freiheit weiter zu liefern: Zwei Malter sechs Scheffel Gerste,
zwei Malter sechs Scheffel Hafer. Dazu kamen ein Geldbetrag von jährlich 2 1/2 Taler. Der
Droste zu Senden erhob eine Angabe von neun Scheffel Weizen, ein Malter drei Scheffel
Roggen, ein Malter Gerste und ein Malter Hafer (alles münstersch Maß). Dazu der blutige
Zehnte mit einer Kodde, einer Gans, einem Huhn, dem zehnten Kalb und dem zehnten Fohlen
als Zehntgefälle.
Heimatarbeit und Schule heute
von Hans-Peter Boer; © 1998
Der die Heimatkunde seines Dienstortes betreibende Volksschullehrer ist einer der Topoi
der deutschen Kulturgeschichte der letzten 150 Jahre überhaupt. Schule und Heimatarbeit,
das war eine absolute und scheinbar unverrückbar stehende Verbindung: Die örtliche
Lehrkraft gestaltet die vaterländischen Feste und Feiern, schreibt die erforderlichen
Reden, Texte und Gedichte, führt die Chronik des Dorfes, verwaltet das Archiv, sammelt
volkskundliche Gegenstände, gründet Heimatmuseen. In Senden zählt zu diesen engagierten
Lehrertyp vor allem Lehrer Wittkamp, der aktiver Träger der gesamten Heimatbewegung der
1920er und 1930er Jahre in Senden ist.
Der Aufstieg der regionalen Landes- und Volkskunde in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert
wäre tatsächlich ohne die Lehrerschaft nicht möglich gewesen. Pastöre übrigens und
pensionierte Offiziere hatten da auch ihre Meriten!
Nach dem Ersten Weltkrieg und im Gefolge der Reichsschulkonferenz von 1920 wird das Fach
Heimatkunde zu einem der Kernfächer der Volksschule. Zahlreiche Aktivitäten, Tagungen und
Fortbildungen verschaffen dem neuen Arbeitsfeld eine erstaunliche Aktualität, die jedoch
in den Jahren 1933 - 1945 durch den Missbrauch heimatlicher Werte verloren ging. Zweiter
Weltkrieg, Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten, der Strukturwandel auf dem Lande,
die weitergehende Technisierung und vor allem die Öffnung der "großen weiten Welt" durch
die Medien und die globale Mobilität ließen den eigenen heimatlichen Bereich an
Attraktivität verlieren. Leicht gesagt: Die Probleme sterbender Gewässer in Kanada
waren im Unterricht oftmals wichtiger als der sterbende Dorfbach an der Grenze des
eigenen Schulplatzes. Dabei hätte man gerade aus seinem Zustand Wirkungsprozesse,
Verantwortlichkeiten und ggf. eigenes, initiatives Handeln zum Besseren hin gestalten
können.
Die Aufhebung der Residenzpflicht für die Lehrkräfte bei gleichzeitiger allgemeiner
Automobilisierung trug dazu bei, dass in manchen Schulen die Kenntnis der eigenen Gemeinde
zwangsläufig zurücktreten musste. Der Zustand wird bis heute viel beklagt, aber es ist doch
längst ein Wandel eingetreten.
Das alte Prinzip der Nähe - oft als rein geographisches Prinzip missverstanden; die
innere Nähe oder "Betroffenheit" war stets gemeint! - spielt heute wieder eine größere
Rolle. Der Sachkundeunterricht der Grundschulen bindet stark Themen des engsten Umfeldes
ein. Unterrichtsgänge, Betriebsbesuche, Wanderungen und Fahrten in die nähere Umgebung
erschließen das heimatliche Umfeld.
In der Sekundarstufe I zeigen sich in allen Schulformen auch unserer Gemeinde Senden
immer wieder erfreuliche Ansätze, die nächste Umgebung kennen zu lernen. Natürlich
spielen dabei Fächer wie Sachkunde, Geographie und Geschichte eine besondere Rolle.
Förderlich waren und sind vor allem die Wettbewerbe, die einzelne Institute, Verbände
und wissenschaftliche Gremien immer wieder für Schülerinnen und Schüler in
unterschiedlichen Fächern ausschreiben. Senden hat mit seinem gut ausgestatteten, in
den letzten Jahren engagiert geführten und betreuten Gemeindearchiv wiederholt die Basis
für erfolgreiche Arbeiten z.B. beim Geschichtswettbewerb der Körberstiftung um den Preis
des Bundespräsidenten gebildet. Vielfach haben Männer und Frauen aus der Gemeinde den
Mädchen und Jungen zu Interviews zur Verfügung gestanden. Die Reihe der Arbeiten ist
ebenso interessant wie lesenswert. Alle gewinnen daraus: Die Gewährsleute erleben, dass
ihre Lebenserfahrungen doch einmal wichtig werden, mögen sie oft auch noch so bedrückend
oder tragisch sein. Sie stellen fest, dass ihnen junge Leute zuhören, eine in unserer Zeit
leider zu selten zu findende Situation. Mädchen und Jungen lernen, Informationen zu
sammeln und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.
Das Schülerbetriebspraktikum führt Jugendliche der Sekundarstufe I zumeist in Betriebe
des Heimatortes. Auf diese Weise lernen sie oft erstmals etwas von der Wirtschaftsstruktur
und einzelnen Verbindungen der heimatlichen Industrie, des Handwerks oder der Landwirtschaft
intensiver kennen. In Senden, wo "Weiße-Kragen-Berufe mit Münster-Perspektive" gegenwärtig
dominieren, kann das eine ungemein wichtige Erfahrung sein. Neue Bürotechniken und
Prinzipien werden ja auch die "Provinzialhauptstadt, den größten Schreibtisch Westfalens",
heftig umgestalten und der Mobilität unserer jungen Generation - auch und gerade nach
innen - größere Anforderungen stellen. Da lohnt es sich schon, mehrere Felder kennen zu
lernen; das heimatliche ist nicht zu verachten. Da ist doch mehr los, als man zunächst
glauben möchte.
Die Klasse, die im Biologie-Unterricht die Gewässer-Qualität von Stever und Dümmer
untersucht oder intensive Landwirtschaft in einem heimischen Betrieb studiert, kann
eher mitreden. Diese jungen Leute benötigen auch keine Parolen in der einen oder
anderen Richtung. Der Bummel zu den heimischen Kunstschätzen oder die im Kreis einer
Arbeitsgemeinschaft einmal geübte Niederdeutsche Sprache eröffnen die Schönheiten der
regionalen Kultur und schaffen Freude.
Aus all´ dem muss Verantwortung erwachsen. Verantwortlich geht man immer mit dem um,
was einem lieb und vertraut ist. Die Heimat zu kennen, das bedeutet auch, ihren Wandel
und ihre Veränderungen zu registrieren. Da bemerkt man aber auch, dass es um
menschliches Handeln geht. Dieses ist steuer- und beeinflussbar. Schule betreibt
politische Erziehung eben nicht nur im Fach Politik, vielmehr spielt sie in jedes
Fach hinein. Da wo es sich anbietet, können die einzelnen Fächer Themen des engsten
Umfeldes in die Unterrichtsarbeit einbeziehen. Diese Arbeit schärft den Blick der Kinder
und Jugendlichen. Sie stellen fest, dass ihr eigenes Handeln unmittelbare Folgen hat,
dass sie aber Dinge mit ihrem Einsatz gestalten, verändern und auch verhindern können.
Vor diesem Hintergrund wird die Verbindung von Schule und Heimat offensichtlich wieder
wichtiger. Die unmittelbare Wirklichkeit findet eben nicht in elektronischen Medien statt.
Verantwortung lernt man - und das gilt seit Jan Amos Comenius (1592-1670) - am ehesten im
unmittelbaren Umfeld.
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